Megamarsch 2016

Bericht vom Megamarsch 2016 – 100km wandern in 24 Stunden

Immer wieder werde ich nach dem „Warum?“ gefragt. „Warum machst Du das?“ Ehrlich gesagt weiß ich darauf auch noch keine Antwort. Es ist vielleicht so wie bei der Bergsteigerfrage: „Warum steigst Du auf die Berge?“ Antwort: „Weil sie da sind.“

Warum tue ich mir immer wieder Sport-Events an, die bei den meisten Leuten nur Kopfschütteln verursachen? Auf jeden Fall, weil ich mich dann noch mehr bewege, als ich es eh schon tue. Ich muß schlicht trainieren, damit die Anstrengung nicht zu weh tut. Weiterhin freue ich mich natürlich wie Bolle über Bewunderung, Lob, Gratulationen und so weiter. Ja, ich bin dann schlicht stolz über meine Leistung und mich. Die Planung macht mir auch Spaß. Sowohl die Trainingsplanung als auch weitere Gedanken, wie z.B. bei dem Megamarsch: Was muß ich wirklich mitnehmen? Welche Schuhe trage ich? Welche Kleidung macht Sinn? Lege ich Wert auf das geringste Gewicht oder sollte es ein wenig Luxus vertragen? Was mache ich, wenn nichts mehr geht? Mit wem gehe ich zusammen oder versuche ich das Ding alleine zu wuppen?

Ende März wurde ich am Knie operiert. Eigentlich eine relativ kleine Sache, aber für mich als „Bewegungsmensch“ ein Drama. Naja, die Heilung verlief ziemlich gut und irgendwann tauchte der Megamarsch am zeitlichen Horizont auf. Eine sportliche Herausforderung für dieses Jahr fehlte eigentlich noch. Mit meinem Freund Thorsten hatte ich bei einer Elsass-Tour schon das Knie völlig problemlos über 32km und etliche Höhenmeter inklusive Marschgepäck bewegt, so daß ein Langstreckenmarsch eine gute Wahl schien, um das Knie in eine Maximalsituation zu bringen. Nach Rücksprache mit meiner Frau bekam ich grünes Licht für das Wochenende (ja, wir sind eine Familie und alles muß geplant sein. ;-)).

In den folgenden Wochen war uns ja das Wetter wohlgesonnen, so daß ich eigentlich fast immer Abends noch mal für etwa eine Stunde eine Runde durch den Ort drehte. Leider war das dann schon fast alles, was mir an spezifischem Training blieb. Drei Wochen vor dem Marsch war ich mit Thorsten noch im sogenannten Männerurlaub. Auf dem Weg ins Zillertal konnten wir nach 2009 den Mittenwalder Höhenweg, auch als Mittenwalder Klettersteig bekannt, erfolgreich abknipsen. Danach hatten wir beide guten Muskelkater und somit auch ein gutes Training. Beim Gleitschirmfliegen im Zillertal konnten wir nicht wirklich viel für den Marsch trainieren. Fliegen ist ja quasi das Gegenteil von marschieren hihihi.

Des Weiteren habe ich die Hüftbeuger, Schienbeinmuckis und Hüftstabilisatoren auftrainiert und mobilisiert. Am Dienstag vor dem Marsch war ich mit meiner Kletterpartnerin Diana noch eine ausgedehnte Runde in Bonn unterwegs (Danke!). Dann *Zack* war plötzlich schon das Wochenende im Gange.

Am Samstag war alles noch etwas chaotisch. Meinen Rucki habe ich eine viertel Stunde vor Abfahrt noch mal komplett getauscht. Eigentlich wollte ich meinen kleinen Fahrrad-Rucksack mitnehmen, aber der sah im vollgepackten Zustand wie eine Preßwurst aus und fühlte sich somit auf dem Rücken auch nicht mehr gut an. Also alles wieder rausräumen und in den normalen Wanderrucksack einräumen. Die Taschentücher habe ich hübsch auf dem Schreibtisch liegen lassen (Danke an Marcel fürs Aushelfen auf der Strecke!).

So gings dann mit meiner Familie ab nach Brühl in meine „Aufwachs-Stadt“. Am Wasserturm war dann auch ein kleines Verkehrschaos. Im Streß habe ich direkt mal mein Handy im Auto liegen lassen. Das war dann aber kurze Zeit später geklärt (Danke erneut Marcel fürs Telefonieren ;-)). Auf Facebook und in der Whatsapp-Gruppe hatte ich Kinesiotapes angeboten, so daß ich damit nach kurzer Begrüßung bekannter Gesichter aus Facebook und meiner Anmeldung sofort loslegte. Netterweise bekam ich noch Hilfe von einer Physiotherapeutin-Kollegin angeboten. Thanks!

Plötzlich stand Susanne vor mir, die ich über meinen Schrittzähler Fitbit kennenlernen durfte. Susanne hatte ihre Freundin Daggi zum Start überredet. Als ich alle Tape-Willigen versorgt hatte, schnackte ich kurz mit Susanne und Daggi und damit war geklärt, daß wir versuchen würden gemeinsam den Marsch zu schaffen. Und dann gings auch schon los…

Fast 200 Teilnehmer strömten zum Startplatz am Ende des Wasserturm-Parkplatzes. Hier wurde noch eine kleine Ansprache des stellvertretenden Brühler Bürgermeisters gehalten, die man leider aufgrund einer defekten Flüstertüte nicht verstehen konnte. *Bämm* und ab die Post! Irgendwie ist so ein Start schon immer etwas Besonderes, steht er doch für eine unbestimmte Zukunft über die nächsten Stunden.

Wir reihten uns bei bestem Wanderwetter etwa ins Mittelfeld der Starter ein, zogen schnackend los und genossen den Marsch. Ich befand mich ja dadurch, daß ich hier als Kind und Jugendlicher viel unterwegs war, in bekanntem Terrain und konnte ein wenig die Landschaft dokumentieren (Maiglerwiese, Berggeistsee, in der Ferne das Phantasialand).

Mit Peter, der quasi zum Mitorganisator des Megamarschs avancierte, konnten wir auch ein schönes informatives Gespräch führen. Gefühlt recht schnell spuckte uns der Wald dann in Merten aus. Da ich hier früher auch häufig unterwegs war, war es für mich interessant, wie sich die Häuser und Straßen verändert haben. Wir wanderten weiter durch die Vorgebirgsörtchen Rösberg und Hemmerich, ließen Waldorf, Dersdorf und Brenig linker Hand liegen. Das Feld zog sich langsam auseinander, aber es waren immer noch viele Wanderer in direkter Sichtweite.

Leider spielte schon relativ früh mein Darm verrückt und ich bekam langsam Probleme. Als dann die Sonne und somit das Licht langsam verschwand, kamen wir nach etwa 15km am ersten Versorgungspunkt an. Es handelte sich um einen Obsthof. Hier wurden wir mit Wasser und Bananen und Äpfeln versorgt. Die Äpfel waren aus eigenem Anbau und dementsprechend SEHR LECKER! Der Hofladen sah auch sehr ansprechend und einladend aus, stand aber leider nicht mehr zur Verfügung. Hier gab es dann auch die Möglichkeit zum Toilettengang. Man musste zwar ein wenig Wartezeit in Kauf nehmen, aber das war alles ruhig und gesittet. Leider ging es meiner Verdauung danach immer noch nicht gut. Nach einer kurzen Verschnaufpauseund dem Wechsel auf lange Beinkleider zogen wir 3 weiter und bogen im Düsteren von oberhalb Brenig aus nach rechts und damit südlich ab. Nun kannte ich mich nicht mehr aus, kam aber noch an bekannten Stellen vorbei. Beispielsweise durfte ich vor Jahren am Römerhof an einer Hochzeitsfeier teilnehmen.

Als wir nun in den Wald wanderten holten wir auch einer nach dem anderen die Lampen raus. Immer wieder hielten wir nette Gespräche mit neuen und teils auch schon bekannten Weggefährten. Kurz vor Buschhoven trafen wir auf Nora, Alexandra und Marcel, mit denen wir eine recht lange Zeit eine Gruppe bildeten.

Dann ein Highlight der Tour. In dem kleinen Ort Buschhoven wurden wir von zwei Jungs begrüßt, die uns Tomaten, Nektarinen und Getränke anboten. Ich fragte nach dem Alter und wunderte mich, daß die 10- und 11-Jährigen noch nicht im Bett sein mussten. Auf mein Nachfragen bekam ich die Antwort: „Hier ist Kirmes! Wir dürfen sogar bis 01.00 aufbleiben!“ Das ich ein Gespräch mit den Eltern bezüglich der späten Nachtruhe einforderte fanden die Jungs nicht so lustig, daß ich das natürlich nicht ernst meinte dann schon.

Plötzlich tauchten die beiden Mütter aus dem Halbdunkel des Gartens auf und boten uns Nürnberger Rostbratwürstchen vom Grill an. Die Würstchen waren noch heiß! Und natürlich ultralecker! Die sogenannte Kirmes wäre bei uns eher ein Dorffest, aber egal…

Nach Buschhoven liefen wir über gefühlt endlose Felder und hatten auch einen kleinen Fehler im Track beziehungsweise dem Abgleich mit den Schildern, so daß wir hier ein paar extra Meter sammelten. Meine Verdauungsorgane waren nach wie vor… sagen wir mal „interessant“. Den Ort Lüftelberg habe ich schon gar nicht mehr auf dem Schirm, weil sich nun auch noch ein lustiger Migräneanfall zu meinem Darmgrummeln gesellte. Einfach gesagt: Mir ging es schlecht! Mit Daggi machte ich dann auch etwas mehr Tempo, warteten aber auch immer wieder auf die Gruppe. Parallel zur Bahn gehend kamen wir nach Rheinbach und stießen nach ca 37km fast unmittelbar auf den 2.Versorgungspunkt. Ich machte noch eine kurze Ansage an meine Mitstreiter und stürzte dann auf die Toilette. Naja, mit einer kleinen Pause saß ich ziemlich lange auf der Toilette, konnte aber meine Verdauungsprobleme somit in den Griff bekommen. Dann beging ich einen Fehler, der uns noch häufiger im weiteren Verlauf beschäftigte. Mittlerweile hatte ich ordentlich Migräne, hatte lediglich ein leichtes Schmerzmittel eingenommen und war der Meinung, daß ich ewig die Emaille angebetet habe. Ergo guckte ich nur kurz im Aufenthaltsraum nach meinem Team, fand niemanden und war der festen Meinung, daß wohl alle schon weg seien. Also schulterte ich meinen Rucki und zog von dannen. Als ich gerade Rheinbach verlassen wollte meldete sich dann doch mal mein Gehirn mit der Ansage: „Mach doch mal Dein Handy an.“ Ich folgte der Anweisung meines Migräne-Ichs und bekam fast unmittelbar von Susanne einen Anruf: „Hey Martin, wo steckst Du denn?“ – „Ich bin gerade am Ende von Rheinbach und versuche Euch einzuholen. Wo seid ihr denn?“ – „Am Versorgungspunkt 2 und wir haben Dich bis gerade gesucht.“ Ein Traum, gell?!? Nach kurzer Absprache setzte ich mich an den Straßenrand kurz vor einen Kreisel und wartet auf meine Leute.

Hier sollte noch kurz erwähnt werden, daß ich von fast allen Sportkollegen gefragt wurde, ob alles okay sei. Das fand ich sehr lobenswert! Da ich ja nun etwas Zeit hatte durchwühlte ich meinen Rucksack auf der Suche nach den Taschentüchern, die ja bekanntlich gemütlich daheim schlummerten. Mit Schwung griff ich in eine erst undefinierbare klebrige Pampe. Bääähhhhh! Herzlichen Glückwunsch, mein Kohlenhydrat-Notfall-Gel hatte sich in meinen Rucksack ergossen. Ohne Taschentücher ein Traum har har har. Ich säuberte die Sache soweit es möglich war und versuchte die nicht versifften Sachen einigermaßen sicher unterzubringen. By the way: Mir ging es mittlerweile echt schlecht. Die Migräne war in vollem Gange. In Bewegung ging es mir nicht so sehr schlecht, aber bei Pausen im Stehen oder Sitzen umso schlechter. Eigentlich Glück im Unglück, denn bei einem Marsch muss man ja marschieren, gell?!

Ich meine, daß ich Susanne und Daggi bezüglich meiner Situation Bescheid gesagt habe, als sie mich wieder einsammelten. So oder so habe ich es irgendwann in diesem Zeitraum gesagt. Das verschwimmt leider jetzt schon ein wenig in meiner Erinnerung.

Rheinbach ist mir trotzdem in schöner Erinnerung geblieben. Hier ging ich auch ein Stück mit Melanie und Ralf. Zwei Facebook-Bekanntschaften, die ebenso wie Daggi und Susanne den Fitbit-Schrittzähler nutzen. Danke für den kleinen Schnack.

Nach weiteren Feldwegen streiften wir den Euskirchener Bezirk in Palmersheim und Flamersheim. Mittlerweile war finsterste Nacht und in den Dörfern war keine Menschenseele unterwegs. Lediglich eine pompös beleuchtete Tankstelle strahlte uns kurzfristig entgegen und schien schon fast irreal.

In Flamersdorf machten wir auch eine kurze Rast mit Käsewürfeln und co. Eine willkommene Abwechslung! Aber erneut stellte ich fest, daß es zu diesem Zeitpunkt keine gute Idee war zu rasten.

Nach dem kleinen Nest Niederkastenholz standen wir plötzlich mitten in der Nacht vor dem dritten Versorgungspunkt. Direkt am Waldrand fast auf einer Straße waren mehrere Decken ausgebreitet und ein paar Sani-Wagen standen bereit. Mir ging es Sch… An dieser Stelle überlegte ich ernsthaft aufzuhören. Nach einem Chat mit meiner Frau bot sie mir sogar an mich abzuholen. Wenn Du das hier liest: Ich liebe Dich! Meine Verdauungsprobleme waren aber nach der Sitzung an VP2 im wahrsten Sinne des Wortes wie weggeblasen. Einen Joker hatte ich noch: Eine Tablette aus der Gruppe der Triptane, also eine richtige Migräne-Pille. Diese macht mich in der Regel ziemlich müde und auch matschig, aber ich hoffte durch den Marsch und den erhöhten Stoffwechsel dies zu minimieren. Es war einen Versuch wert, also „rin in Kopp“! Der Versorgungspunkt 3 war jetzt auch eher unangenehm. Das einzig Schöne war der Gedankengang, daß wir hier nach etwa 50km die Hälfte geschafft haben. Leider machte auch der erste Akkusatz meines GPS hier die Biege und ich hatte nur noch ein Ersatzpaar dabei. Das hat mich auch noch länger beschäftigt.

Zu Dritt stolperten wir nun in den Wald hinein, da insbesondere Marcel mit Blasen an den Fersen zu kämpfen hatte. Im weiteren Wegeverlauf passierte erst mal reichlich wenig. Aber dann… stellte ich mit großer Freude fest, daß mein Migräneanfall sich verabschiedete! Yipie!!!!! Mitten im Wald hinter Kreuzweingarten gesellte sich Claudia kurz zu uns. Wir gingen ein Stück gemeinsam, auch an der Katholischen Bildungsstätte Maria Rast vorbei, die mir seltsam bekannt vorkam, bis mir einfiel, daß ich hier mal mit Freunden nebst Patenkind Geocachen war. Verrückt.

In Antweiler wurde uns von Weggefährten die einzige Dorfbank weggeschnappt, auf der auch wir pausieren wollten. So ein Ärger. Also besetzen wir in Lessenich die Fußballplatzbank, belächelten, daß gerade kein Spiel stattfand und waren erfreut, daß sich langsam Licht am Horizont zeigte. Nach wie vor hatten wir außer in Rheinbach keine Menschenseele außer uns bekloppten Wanderern gesehen.

Endlich konnten wir die Lampen wegpacken. Ein weiteres Highlight! Und direkt noch ein Highlight: Der Sonnenaufgang!

Der Weg ging nun relativ geradlinig auf einem teils recht schotterigen Weg leicht bergab, die Vögel meldeten sich nach der Nachtruhe wieder zu Wort und eigentlich war alles soweit ganz gut.

Wir wanderten an Mechernich und Breitenbenden vorbei und kamen nun im Hellen auch an gut sichtbaren Römerbauten vorbei. In Vussem machten wir uns langsam Sorgen, daß wir es irgendwie geschafft haben am 4.Versorgungspunkt vorbeizugehen. Die ersten „Ureinwohner“ wussten auch von nichts. Plötzlich tauchten zwei wissend lächelnde Damen auf, die dann freundlich grüßend an uns vorbeigingen. Wie sich später herausstellte war das die Motivationscrew für Claudia. Sehr gut!

In Eiserfey dann endlich die Erlösung! Versorgungspunkt 4! Ein Traum! In dem kleinen Ort liegt auf einer Anhöhe eine Gastwirtschaft. Auf dem Vorplatz waren Bierbänke aufgebaut und hübsch dekoriert. Es gab Käse- und Salamibrötchen, Gewürzgurken, Wassermelone und diverse Getränke. Natürlich auch Kaffee! Dazu kamen aber auch noch erneute Highlights: Das Versorgungsteam war ultranett und bemüht! Erneuten Dank! Ihr wart toll! Und: Sonne! Die Tische standen schön in der Morgensonne. Es war paradiesisch! Die Damen freuten sich auch noch ausgiebig über die endlich verfügbaren Toiletten. Am 3.Versorgungspunkt gab es keine.

Da mir die Akku-Situation für mein GPS-Gerät noch Sorgen bereitete bekam ich tatsächlich auch noch 2 Batterien als Ersatz geschenkt. Tatsächlich brauchte ich sie nicht, aber so musste ich nicht weiter drüber nachgrübeln.

Da Susannes Sprunggelenke mittlerweile ziemlich große Schmerzen aussandten versuchte ich erneut mein Glück mit einem schmerzlindernden Kinesiotape. Daggi ließ sich nicht lange bitten und ich setzte ein klassisches Schmerztape auf die wehe Stelle knapp unterhalb des Knies.

Mit Kaffee, Wasser, Cola, Käsebrötchen, Salamibrötchen und Wassermelone gestärkt tapsten wir dann nach dem netten Aufenthalt weiter zur letzten 26km langen Etappe. Wir mussten fast unmittelbar nach der Pause steil auf einem Pfad aufsteigen. Na toll. Da merkt man doch, daß man nicht mehr frisch ist. Oben angekommen gingen wir dann aber erst mal die Höhe haltend mit feiner Aussicht in der Sonne weiter. Der recht kräftige Wind war schön erfrischend. Besonders freute mich die Ansage, daß ALLE Tapes deutlich schmerzlindernd ankamen. Ein Traum!

Auf einer großen Schleife folgten wir dem Weg, der dann auch mal einiges an Höhenmeter bot. Einige Kilometer nach VP4 nutzten wir dann eine Bank am Wegesrand um erneut zu rasten. Schön in der Sonne. Ich glaube, hier wurde uns das erste Mal klar, daß wir nun nicht mehr so schnell waren wie zu Beginn der 100km. Weiterhin waren ab jetzt die Pausen nicht mehr so erholsam. Leider löste sich Daggis Knietape hier schon in Wohlgefallen auf, aber mir wurde versichert, daß das Knie nachhaltig weniger Schmerzen aussendet. Während wir auf der Bank saßen liefen auch 2 Mitstreiter an uns vorbei, die wir im späteren Verlauf immer wieder mal trafen.

Nach einigen weiteren Kilometern besprachen wir, daß wir ab dem nächsten Ort Ausschau halten nach einer Kneipe, Restaurant oder was auch immer. Sprich: Wir wollten erneut ausruhen und ein Kaltgetränk genießen.

Der Weg ging nun wieder bergauf mit einem Wald rechts und einem Feld auf der linken Seite. Die Sonne wurde langsam sportlich warm und ich freute mich erneut über meine mitgeschleppte kurze Hose. Am Horizont tauchte dann die Kirche der Ortschaft Dottel auf. Als wir kurz vor der quer verlaufenden Straße nach rechts schauten erkannten wir einige Wanderer… die sich nach kurzer Zeit als einige Teilnehmer des Megamarsches entpuppten. Der Wanderer, den wir als Ersten trafen war ziemlich unbegeistert, weil wohl ein Schild fehlte und sie prompt den falschen Weg genommen hatten und somit einige Kilometer an Umweg laufen mussten. Nach kurzer Rücksprache schloss sich uns die kleine Truppe an, da sie nun auch auf mein GPS-Gerät vertrauten.

Direkt am Ortseingang fragten wir einen „Ureinwohner“, ob es denn eine Dorfkneipe oder ähnliches gäbe. Als Antwort bekamen wir ungefähr folgende Antwort: „Nein, hier im Ort gibt es gar nichts. Aber in Kall ist heute Stadtfest, da wird es alles Mögliche geben. Kall liegt etwa 4km in dieser Richtung…“ und zeigte mit dem Arm in die entgegengesetzte Richtung unseres Marsches. 8km Umweg wären unter normalen Bedingungen schon eher keine Option. Bei unserer Situation konnten wir uns nur ein müdes Lächeln abringen.

Einige hundert Meter weiter trafen wir am „Dorfplatz“ auf weitere Teilnehmer des Megamarschs. Da wir mittlerweile wissen, daß nur etwa ein Viertel der Starter ins Ziel kamen ist dies um so erstaunlicher.

Unsere leicht gewachsene Gruppe überquerte hinter Dottel nach etwas Wartezeit die Landstraße und stieg langsam auf zur Ortschaft Keldenich. Bis auf eine Ausnahme trafen wir auch hier erneut keinen Menschen. Ob die Eifler bei anrückenden Horden das Weite suchen?!?

Fast schon am Ende des Ortes dann plötzlich der vermeintliche Lichtblick: Eine Wirtschaft! „Bei Kathi“. Es gab aber noch 2 Sachen, die geklärt werden mussten: Hatte Kathi überhaupt geöffnet und: Wie zum Geier soll man die etwa 15 Stufen hochsteigen?!?

Ich erbarmte mich, ging ächzend die Stufen hoch, legte meine Hand auf die Klinke und tatatataaaaaaa die Tür öffnete sich und ich konnte Stimme hören. Yipie! Die Weißbierquelle war zum Greifen nah! Die aufgesammelten Kollegen wollten aber weiter, so daß sich unsere Gruppe wieder auf die üblichen 3 dezimierte. Bei Kathi tranken wir ein leckeres eiskaltes herrlich erfrischendes alkoholfreies Bier, synchronisierten grinsend unsere Schrittzähler, belächelten die 5 Stufen zur Toilette und schnackten über dies und das. Die Chefin hat unseres Erachtens trotz ausführlicher Erklärung nicht verstanden, was wir da gerade tuen und warum wir so zerrupft aussehen. Via Whatsapp teilte ich meinen Eltern mit, daß sie nicht extra aus Brühl anreisen müssten, um mich in Nettersheim abzuholen, aber sie waren überhaupt nicht davon abzubringen, mich im Ziel zu erwarten. Das freute mich natürlich besonders!

Wir wählten dann den Hinterausgang, weil er a) weniger Stufen hatte und b) in der richtigen Richtung verlief, somit sparten wir uns etwa 20m Weg und 3 Höhenmeter indem wir durch „Kathi“ abschnitten. Ab nun versuchten wir wirklich jeden Meter Weg zu erleichtern, wie z.B. Kurven schneiden. Nun galt es die letzten 13,2km zu bewältigen.

Kurz nachdem wir den Ort verlassen hatten fiel uns der mittlerweile vierte oder fünfte Friedhof auf. Wollte uns der Veranstalter damit irgendetwas sagen?!?!?

Und, oh Wunder, hier begegneten wir den ersten Wanderern, die NICHTS mit uns zu tun hatten. Sensationell! Der Weg ging nun erneut in den Wald hinein und fiel leicht ab, links abbiegend kamen wir dann nach Sötenich. Hier mussten wir am Ende der Straße auf einem Pfad relativ steil aufsteigen. Oben angekommen gab es auf der rechten Seite mit nur einigen Metern Entfernung einen Aussichtspunkt auf einen Steinbruch. Diesen guckte nur ich mir an, die Damen schauten irgendwie fassungslos zu.

Kurze Zeit später oder war es eher eine gefühlte Ewigkeit?!? Zumindest laut Karte einen Klacks später trafen wir auf einen asphaltierten Feldweg, der für uns scharf nach rechts abbog. Etwa hier war es plötzlich soweit: Das GPS-Gerät zeigte „nur noch“ einen einstelligen Kilometerbereich an! Im anschließenden Aufstieg realisierte ich das erste Mal mit Gänsehaut, daß wir es wirklich schaffen würden diese verrückten 100km zu bewältigen! Wahnsinn!

Es folgte ein wunderschöner Pfad, aber zugegebenermaßen konnte ich der schönen Natur nicht mehr ganz so viel abgewinnen. Rechts zeigte sich ein Aussichtspunkt, diesen nahm ich nicht mehr mit, aber „nur“ weil an der Kreuzung ein Fotograf auf uns wartete. Die Ansage lautete: „Es geht jetzt nur noch bergab und dann wunderschön an einem Bach entlang. Wir sehen uns in einer Stunde am Ziel.“ Ja ne, ist klar. Über diese Aussage mussten wir noch ein paar Mal schmunzeln.

Tatsächlich ging der Pfad wunderschön weiter, um dann aber relativ steil (schlicht zu steil für unsere geschundenen Beinmuskeln) nach unten zu führen. Die letzte Bank oberhalb der leider stark befahrenen Straße nutzten wir für eine weitere Pause 8,4km vor dem Ziel. Ab diesem Zeitpunkt machten wir keine Pausen mehr, weil sich Pausen spätestens hier als negativ erwiesen. Denn nach der Pause musste man sich wirklich zusammenreißen, weil es echt unangenehm war seinen Körper wieder in die Gänge zu bringen.

Wir folgten also der Straße, um nach einigen hundert Metern auf einen Waldweg zu wechseln, der uns im weiteren Verlauf tatsächlich sehr schön an der Urft entlangführte.

Nun trafen wir auf immer mehr Menschen, die das Ende unserer langen Reise ankündigten. Unmittelbar vor Nettersheim sammelten wir erneut einen Teilnehmer auf, der sich unserem 3er-Team für den letzen Kilometer anschloss. JA! Den allerletzten Kilometer!

Wir tapsten in das kleine Örtchen Nettersheim ein, um dann nach wenigen hundert Metern endlich im Ziel einzulaufen. Überglücklich schlossen wir uns in die Arme und gratulierten uns!

Ich wurde sofort von einer Radio-Dame des WDR2 interviewt. Leider konnte ich es in der Mediathek nicht auffinden.

Im Anschluß wurde ich von meinen lieben Eltern geherzt und gedrückt und ja, es flossen auch ein paar Tränchen.

Susanne, Daggi und ich erhielten dann unsere Urkunden, machten noch ein paar Fotos, gratulierten anderen Finishern, die uns natürlich auch teilweise begleitet hatten.

Dann war es soweit. Irgendwie fühlte ich mich an den Herrn der Ringe erinnert. Die Gemeinschaft löste sich auf. Wir 3 hatten uns in Brühl zusammengefunden und da hat wahrscheinlich noch niemand von uns daran geglaubt oder gedacht, daß wir gemeinsam die 100km rocken werden und in Nettersheim Arm in Arm einlaufen würden. Ich finde das nach wie vor glorreich, fantastisch und habe schon wieder eine Gänsehaut.

Ich tapste zum Auto meiner Eltern und da merkte ich, daß mein Körper quasi auf „Aus“ geschaltet hat. Es ging schlicht nichts mehr.

Bei meinem Patenkind und meiner Familie angekommen wurde ich natürlich beglückwünscht und bewundert, aber auch etwas belächelt, weil ich mich quasi gar nicht mehr bewegen konnte und wollte. Irgendwann stand dann auch mein 8-Jähriger neben mir und fragte: „Papa, komm… lass uns Tischtennis spielen!“ Da musste ich schon grinsen und leider ablehnen. Das kennt er so nicht von mir. Als wir um 20.45 nach Hause kamen schaltete ich die Sauna ein, pflegte meine Kontakte (ja, viele wollten wissen, wie es gelaufen ist) und legte mich um kurz nach 21.00 in die Sauna. Dort schlief ich sofort ein, bis es mir zu heiß wurde. Ich wechselte in die Badewanne und… schließ sofort ein hihihi. Nach etwa einer halben Stunde wurde ich wieder wach, quälte mich aus der Badewanne, pflegte meine Blase am Fuß und tapte mir meine Schienbeinmuskeln. Jau, mein Hirn war nicht mehr ganz frisch, denn die Schienbeine hätte ich besser schon einige Stunden vorher während des Marschs getaped. Ich habe dann erneut etwas gegessen, ließ mich ins Bett fallen und… natürlich… bin sofort eingeschlafen.

Irgendwann während des Marsches sprachen wir darüber, daß man sich ja für den nächsten Tag hätte freinehmen können…. Tja, das habe ich irgendwie verpeilt. Am Montag war ich auf der Arbeit eben „Schnecki“. Meine Schienbeinmuskeln waren ein Massaker und die Blase am Fuß tat ihr Übriges. Aber schon nachmittags ging es mir deutlich besser. Im weiteren Verlauf hatte ich so gut wie keinen Muskelkater. Das Nervigste war eigentlich die Blase, die sich fein entzündete und auch jetzt gerade noch, eine Woche nach dem Marsch, rumzickt. Aber was solls. Die ganze Woche über habe ich sehr oft über den Marsch nachgedacht und sogar gegrübelt, was man hätte verbessern können. Direkt nach dem Marsch haben wir Drei geschlossen „Nie wieder!“ gesagt, aber ebenso interessieren sich jetzt schon alle dafür, wie es weitergeht und was wir als Nächstes machen.

Aktuell sieht es auf jeden Fall so aus: Megamarsch 2017?!?!? Wir kommen!!!

P.S.: Mein Knie?!? Hat nicht einen Mucks von sich gegeben! Aber auch das ist mir erst ziemlich spät aufgefallen.

volle Distanz: 98346 m
Maximale Höhe: 525 m
Minimale Höhe: 35 m
Gesamtanstieg: 2847 m
Gesamtabstieg: -2431 m
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